HDRS versus MADRS: Welche Fremdbeurteilungsskala für Depression?
HAMD-17 (Hamilton Depression Rating Scale) und MADRS (Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale) sind die weltweit am häufigsten eingesetzten Fremdbeurteilungsskalen für depressive Störungen. Beide haben unterschiedliche Stärken und Einsatzbereiche.
Struktureller Vergleich
| Eigenschaft | HAMD-17 | MADRS |
|---|---|---|
| Items | 17 | 10 |
| Maximalscore | 52 | 60 |
| Somatische Items | Mehrere (Schlaf, gastrointestinal, genital) | Wenige |
| Psychologische Items | Moderat | Betont (Traurigkeit, innere Spannung, Suizid) |
| Responsivität für Antidepressiva | Gut etabliert | Höhere Sensitivität in manchen Studien |
| Anwendungszeit | 20–30 min | 15–20 min |
| Remissionsgrenzwert | ≤ 7 | ≤ 10 |
Stärken und Schwächen im Vergleich
HAMD-17 — Stärken:
- Jahrzehntelange Evidenzbasis; Referenzstandard in der Depressionsliteratur
- Gut etablierte Schwellenwerte (Response, Remission)
- Breite Nutzung in Deutschland; in NVL verankert
HAMD-17 — Schwächen:
- Viele somatische Items, die durch Komorbidität beeinflusst werden
- Weniger sensitiv für psychologische Kernsymptome (Anhedonie, innere Leere)
- Weniger geeignet bei atypischer Depression (Hypersomnie, Hyperphagie)
MADRS — Stärken:
- Stärker auf psychologische Kernsymptome fokussiert
- Weniger Einfluss somatischer Komorbiditäten
- Sensitiver für Veränderungen unter Antidepressiva in einigen Metaanalysen
- Kürzere Erhebungsdauer
MADRS — Schwächen:
- Erfasst Schlaf und vegetative Symptome weniger detailliert
- Nicht in NVL als primäres Instrument benannt
Hamilton Depression Scale (HDRS-17)
Klinisches Assessment-Tool zur Beurteilung des Schweregrads depressiver Symptome nach der Hamilton-Skala.
• Magen-Darm (Mundtrockenheit, Blähungen, Verdauungsstörungen, Durchfall, Krämpfe, Aufstoßen);
• Herz-Kreislauf (Herzklopfen, Kopfschmerzen);
• Atemwege (Hyperventilation, Seufzen);
• Häufigkeit des Wasserlassens;
• Schwitzen.
Empfehlung für den klinischen Einsatz
| Kontext | Empfehlung |
|---|---|
| Ambulante psychiatrische Praxis (NVL-Konformität) | HAMD-17 |
| Klinische Studien mit Antidepressiva (höhere Sensitivität) | MADRS oder HAMD-17 je nach Protokoll |
| Ältere Patienten mit somatischen Komorbiditäten | MADRS (weniger durch Somatik verzerrt) |
| Atypische Depression | MADRS oder Spezialskalen |
| Rasche klinische Verlaufsbeurteilung | MADRS (kürzer) |
Einschränkungen
- Kein Head-to-Head-Vergleich zeigt eindeutige Überlegenheit einer Skala in allen Kontexten.
- Beide Skalen erfordern geschulte Interviewer für reliable Erhebung.
- Mischformen und gemischte Episoden werden von beiden Skalen unzureichend abgebildet.
Häufige Fragen
Kann ich im Verlauf zwischen HAMD-17 und MADRS wechseln? Nicht empfehlenswert. Die Skalen sind nicht direkt konvertierbar. Für die Verlaufsbeurteilung sollte immer dieselbe Skala verwendet werden. Ein Wechsel erfordert einen neuen Baseline-Wert mit der neuen Skala.
Gibt es eine einfache Formel, um HAMD-17-Werte in MADRS-Werte umzurechnen? Nein. Es gibt Konversionstabellen aus Studien, aber sie sind nicht standardisiert und haben erhebliche Unsicherheitsbereiche. Für klinische Zwecke ist eine direkte Konversion nicht valide.
In welchen Fällen empfiehlt die NVL explizit die HAMD-17? Die NVL Unipolare Depression (2023) benennt HAMD-17 als validiertes Fremdbeurteilungsinstrument zur Schweregradmessung und Verlaufsbeurteilung. PHQ-9 wird als Selbstbeurteilungsinstrument flankierend empfohlen.
Quellen
- Montgomery SA, Åsberg M. A new depression scale designed to be sensitive to change. Br J Psychiatry. 1979.
- Hamilton M. A rating scale for depression. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 1960.
- DGPPN et al. S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression, Version 3.2. AWMF NVL-005. 2023.
