HDRS im Therapiemonitoring: Ansprechen auf Antidepressiva messen
Die HAMD-17 ist das am häufigsten eingesetzte Fremdbeurteilungsinstrument zur Verlaufsmessung unter antidepressiver Therapie. Serielle Erhebungen ermöglichen die objektive Quantifizierung von Response und Remission — und begründen Therapieentscheidungen gegenüber Patient, Kostenträgern und in der Dokumentation.
Definitionen: Response und Remission
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Response | ≥ 50 % Reduktion des HAMD-17-Ausgangswertes |
| Partielle Response | 25–49 % Reduktion |
| Non-Response | < 25 % Reduktion |
| Remission | HAMD-17 ≤ 7 (einige Autoren ≤ 8) |
| Rezidiv | Erneutes Ansteigen nach Remission |
Empfohlene Kontrollzeitpunkte
| Zeitpunkt | Rationale |
|---|---|
| Baseline (vor Therapiebeginn) | Ausgangswert für Verlaufsvergleich |
| 2–4 Wochen nach Beginn | Frühe Wirksamkeitsbeurteilung |
| 6–8 Wochen | Beurteilung Response vs. Non-Response |
| 12 Wochen | Remissionsbeurteilung; Entscheidung über Strategieänderung |
| Kontinuierlich | In Therapiephasen und Erhaltungstherapie |
Hamilton Depression Scale (HDRS-17)
Klinisches Assessment-Tool zur Beurteilung des Schweregrads depressiver Symptome nach der Hamilton-Skala.
• Magen-Darm (Mundtrockenheit, Blähungen, Verdauungsstörungen, Durchfall, Krämpfe, Aufstoßen);
• Herz-Kreislauf (Herzklopfen, Kopfschmerzen);
• Atemwege (Hyperventilation, Seufzen);
• Häufigkeit des Wasserlassens;
• Schwitzen.
Therapieentscheidungen auf Basis des HAMD-17
Nach 4–6 Wochen:
- Non-Response (< 25 % Reduktion) trotz adäquater Dosis: Dosisanpassung, Augmentation oder Medikamentenwechsel erwägen
- Partielle Response (25–49 %): Dosisoptimierung, Augmentation (Lithium, atypisches Antipsychotikum, Schilddrüsenhormon)
- Response (≥ 50 %): Weiterführen des Schemas
Nach 8–12 Wochen:
- Remission angestrebt (HAMD ≤ 7)
- Partielle Remission (HAMD 8–14): Optimierung zur Vollremission wichtig — Residualsymptome erhöhen Rezidivrisiko
Warum Vollremission anstreben?
Patienten mit Residualsymptomen unter Therapie (HAMD 8–17 = klinische Besserung, aber keine Remission) haben:
- 3× höheres Rezidivrisiko als Patienten in Vollremission
- Geringere psychosoziale Funktionsfähigkeit
- Höheres Chronifizierungsrisiko
Einschränkungen
- HAMD-17 ist eine Fremdbeurteilungsskala — sie erfordert geschulte Anwender für reliable Erhebung.
- Suizidalität (Item 3) erfordert immer gesonderte klinische Beurteilung, unabhängig vom Gesamtwert.
- Ältere Patienten können durch somatische Komorbidität falsch-hohe Werte erzielen; dies schränkt die Vergleichbarkeit mit jüngeren Patienten ein.
Häufige Fragen
Wann ist eine Therapieänderung bei Non-Response indiziert? Nach 4–6 Wochen bei ausreichender Dosis und Non-Response (< 25 % HAMD-Reduktion): Dosiserhöhung (wenn noch nicht maximal), Augmentation oder Wechsel des Antidepressivums. Die NVL empfiehlt bei Non-Response nach 4 Wochen eine aktive Reaktion.
Kann der HAMD-17 als alleinige Entscheidungsgrundlage für eine stationäre Aufnahme dienen? Nein. Die Entscheidung über stationäre Aufnahme basiert auf der klinischen Gesamtbeurteilung — Suizidalität, Fremdgefährdung, soziale Ressourcen, Schwere der Einschränkung. Der HAMD-17 unterstützt, ersetzt aber nie das klinische Urteil.
Gibt es einen HAMD-Schwellenwert, ab dem eine Krankschreibung indiziert ist? Kein formaler Schwellenwert in Leitlinien. Krankschreibung orientiert sich an der Arbeitsfähigkeit des Patienten, nicht am Score. HAMD-Werte ≥ 17 (mittelschwere bis schwere Episode) gehen häufig mit erheblicher Funktionseinschränkung einher.
Quellen
- DGPPN et al. S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression, Version 3.2. AWMF NVL-005. 2023.
- Hamilton M. A rating scale for depression. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 1960.
- Trivedi MH et al. Evaluation of outcomes with citalopram for depression using measurement-based care (STAR*D). Am J Psychiatry. 2006.
