HDRS in der Bipolaren Störung: Messung der Depressiven Phase
Die HAMD-17 wurde ursprünglich für unipolare Depression entwickelt, wird aber auch in der bipolaren Störung zur Quantifizierung depressiver Phasen eingesetzt. Einige Besonderheiten der bipolaren Depression sind dabei zu beachten.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Unipolare vs. Bipolare Depression im HAMD
Die HAMD-17 erfasst Kernsymptome der Depression, die sich teilweise bei unipolaraen und bipolarer Depression überlappen. Typische Unterschiede in der bipolaren depressiven Phase, die im HAMD nicht vollständig abgebildet werden:
| Symptom | Häufig bei bipolarer Depression | HAMD-17-Abbildung |
|---|---|---|
| Hypersomnie | Häufig | Schlafitems beziehen sich eher auf Insomnie |
| Gewichtszunahme / Heißhunger | Häufig | Item 16 (Gewicht) erfasst primär Gewichtsverlust |
| Schwere Anhedonie | Ausgeprägt | Begrenzt durch Item-Formulierung |
| Psychomotorische Verlangsamung | Ausgeprägt | Gut erfasst durch Item 8 |
| Gemischte Symptome (Agitation + Niedergeschlagenheit) | Möglich | Erschwert Gesamtinterpretation |
Limitationen des HAMD-17 bei Bipolarer Störung
- Hypersomnie und Appetitsteigerung — typische atypische Symptome der bipolaren Depression — sind im HAMD-17 unzureichend erfasst
- Gemischte Episoden mit gleichzeitigen hypomanischen und depressiven Symptomen können zu Fehlinterpretationen führen
- Der HAMD erfasst keine manischen oder hypomanischen Symptome — er kann nicht zur Bipolaritätserkennung eingesetzt werden
Empfehlung: HAMD-17 zur Verlaufsmessung in der bipolaren Depression ist vertretbar, aber idealer durch die MADRS oder die HDRS-Bipolar-Ergänzung zu ersetzen.
Hamilton Depression Scale (HDRS-17)
Klinisches Assessment-Tool zur Beurteilung des Schweregrads depressiver Symptome nach der Hamilton-Skala.
• Magen-Darm (Mundtrockenheit, Blähungen, Verdauungsstörungen, Durchfall, Krämpfe, Aufstoßen);
• Herz-Kreislauf (Herzklopfen, Kopfschmerzen);
• Atemwege (Hyperventilation, Seufzen);
• Häufigkeit des Wasserlassens;
• Schwitzen.
MDQ als Ergänzung bei unklarer Diagnose
Wenn eine bipolare Störung (besonders Bipolar II) noch nicht sicher diagnostiziert ist, empfiehlt sich die Ergänzung durch den MDQ (Mood Disorder Questionnaire) vor Beginn einer Antidepressiva-Monotherapie — um eine Manie-Induktion zu verhindern.
Therapeutische Besonderheiten bei Bipolarer Depression
Im Gegensatz zur unipolaren Depression sind bei bipolarer Depression einige Besonderheiten zu beachten:
- Antidepressiva-Monotherapie kann Manie/Hypomanie triggern
- Stimmungsstabilisatoren (Lithium, Lamotrigin) als Basistherapie; Quetiapin als zugelassenes Mittel der ersten Wahl bei bipolarer Depression
- HAMD ≤ 7 als Remissionsziel gilt auch hier; zusätzlich Young Mania Rating Scale (YMRS) zur Absicherung, dass keine manische Gegenbewegung entstanden ist
Einschränkungen
- Der HAMD-17 wurde nicht für bipolare Depression validiert und bildet die Besonderheiten der bipolaren depressiven Phase unvollständig ab.
- Für klinische Studien zu bipolarer Depression werden häufig bipolar-spezifische oder breitere Skalen (MADRS, CDRS-R, IDS) eingesetzt.
- Kein Score ersetzt die sorgfältige Anamnese zur Phasendifferenzierung und Ausschluss gemischter Episoden.
Häufige Fragen
Kann der HAMD-17 zum Screening auf bipolare Störung eingesetzt werden? Nein. Er erfasst nur depressive Symptome. Zur Diagnoseunterstützung einer bipolaren Störung dient der MDQ (Mood Disorder Questionnaire) oder ein strukturiertes psychiatrisches Interview.
Ist Quetiapin bei bipolarer Depression auch bei niedrigem HAMD-17 indiziert? Die Indikation für Quetiapin basiert auf der klinischen Diagnose einer bipolaren depressiven Episode, nicht auf einem HAMD-Schwellenwert. Bei leichter bipolarer Depression (HAMD < 17) kann auch ein abwartendes Vorgehen vertretbar sein; dies ist eine klinische Entscheidung.
Wie wird die bipolare Depression in der NVL Unipolare Depression abgegrenzt? Die NVL Unipolare Depression gilt ausschließlich für die unipolare depressive Störung. Bipolare Störungen werden in der DGPPN S3-Leitlinie Bipolare Störungen gesondert behandelt — mit abweichenden Therapiepfaden.
Quellen
- DGPPN et al. S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression, Version 3.2. AWMF NVL-005. 2023.
- DGPPN. S3-Leitlinie Bipolare Störungen. AWMF 038-019. 2019.
- Hamilton M. A rating scale for depression. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 1960.
