MDQ und Bipolar-II-Störung: Klinische Diagnostik der Hypomanie
Bipolar-II-Störung (BD-II) — charakterisiert durch hypomane Episoden (nicht manische) und depressive Episoden — ist besonders schwer zu diagnostizieren und wird häufig als unipolare depressive Störung fehlklassifiziert. Der MDQ hat für BD-II eine eingeschränkte Sensitivität im Vergleich zu BD-I.
Warum BD-II besonders schwer zu erkennen ist
- Patienten stellen sich in depressiven Phasen vor — Hypomanie wird nicht als Problem wahrgenommen
- Hypomane Phasen fühlen sich oft "normal" oder angenehm an — kein Leidensdruck
- Hypomanie dauert nur 4–7 Tage (im Gegensatz zu Manie ≥ 7 Tage) und wird in der Anamnese übersehen
- Kein Klinikaufenthalt in hypomanen Phasen — weniger medizinische Dokumentation
MDQ-Performance bei BD-I vs. BD-II
| BD-I | BD-II | |
|---|---|---|
| Sensitivität MDQ | ~75–80 % | ~58–65 % |
| Spezifität | ~90 % | ~90 % |
Der MDQ wurde ursprünglich primär an BD-I-Populationen validiert. Bei BD-II ist die Sensitivität geringer — ein negativer MDQ schließt BD-II weniger sicher aus.
Mood Disorder Questionnaire
Screening auf eine bipolare Störung
Klinische Hinweiszeichen auf Hypomanie (BD-II)
Neben den MDQ-Items sollten folgende anamnestische Hinweiszeichen aktiv erfasst werden:
- Episoden mit deutlich vermindertem Schlafbedarf (3–4 Stunden) ohne Müdigkeit
- Phasen gesteigerten Antriebs mit ungewöhnlicher Produktivität
- Erhöhte Redseligket, Gedankenrasen, rasche Gedankenassoziation
- Episodisch erhöhte Risikobereitschaft (Geldausgaben, Sexualität)
- Reizbarkeit oder Euphorie in umschriebenen Perioden
- Klar episodischer Verlauf: gute Phasen wechseln mit tiefen Phasen
Unterschied Hypomanie vs. Manie vs. Normstimmung
| Hypomanie (BD-II) | Manie (BD-I) | Normstimmung | |
|---|---|---|---|
| Dauer | ≥ 4 Tage | ≥ 7 Tage | Anhaltend |
| Hospitalisierung | Nicht erforderlich | Häufig nötig | Keine |
| Psychose | Fehlt | Möglich | Fehlt |
| Funktionsbeeinträchtigung | Gering | Schwer | Keine |
Einschränkungen
- MDQ hat bei BD-II eingeschränkte Sensitivität — klinischer Verdacht bleibt entscheidend, auch bei negativem MDQ.
- Ausführliche Fremdanamnese (Lebenspartner, Familienangehörige) ist oft diagnostisch wertvoller als Selbstauskunft.
- Strukturierte psychiatrische Interviews (SCID-I, MINI) sind für die Diagnosestellung obligat.
Häufige Fragen
Ein Patient hat MDQ-Score < 7, aber ich vermute BD-II aufgrund der Anamnese — wie vorgehe ich? Psychiatrisches Konsil auch bei negativem MDQ, wenn klinischer Verdacht besteht. Ein negativer MDQ schließt BD-II nicht aus — besonders bei BD-II ist das Konsil unverzichtbar.
Wie unterscheidet sich BD-II klinisch von einer rezidivierenden unipolaren Depression? Schlüssel ist die Hypomanie-Anamnese. Wenn der Patient je Phasen hatte, in denen er sich deutlich besser als normal fühlte, weniger schlafen musste und mehr Energie hatte — ist BD-II zu erwägen. Im Zweifel: Psychiatrisches Konsil.
Welche Therapie ist bei BD-II erstrangig? Lamotrigin ist bei BD-II für die Prophylaxe gut belegt. Quetiapin ist für die akute bipolare Depression (einschließlich BD-II) zugelassen. Lithium kann in der Langzeitprophylaxe eingesetzt werden. Antidepressiva-Monotherapie ist auch bei BD-II zu vermeiden.
Quellen
- Hirschfeld RM et al. Development and validation of a screening instrument for bipolar spectrum disorder: the MDQ. Am J Psychiatry. 2000.
- S3-Leitlinie Bipolare Störungen. DGPPN 2019.
- Miller CJ et al. Sensitivity and specificity of the MDQ for detecting bipolar disorder. J Affect Disord. 2004.
