MDQ: Gleichzeitigkeit der Symptome als Diagnostisches Kriterium
Ein positiver MDQ-Befund setzt nicht nur ≥ 7 Ja-Antworten voraus — die Symptome müssen gleichzeitig in derselben Episode aufgetreten sein und zu einer mindestens mäßigen funktionellen Beeinträchtigung geführt haben. Diese Dreiteilung ist entscheidend für die Spezifität des Instruments.
Die Drei Bedingungen für einen Positiven MDQ
| Bedingung | Definition | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| 1. Symptomzahl | ≥ 7 von 13 Items mit "Ja" | Quantitative Schwelle |
| 2. Gleichzeitigkeit | "Ist Ihnen vieles davon gleichzeitig passiert?" — Ja | Entscheidend für Spezifität |
| 3. Funktionsverlust | "Hat das mäßige oder schwerwiegende Probleme verursacht?" — Ja | Ausschluss Temperament |
Alle drei Kriterien müssen erfüllt sein. Bei fehlender Gleichzeitigkeit oder fehlendem Funktionsverlust gilt der MDQ als negativ — unabhängig von der Anzahl positiver Items.
Warum ist Gleichzeitigkeit entscheidend?
Patienten können im Laufe ihres Lebens viele der 13 MDQ-Symptome zeigen — aber zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Konstellationen. Nur das gleichzeitige Auftreten mehrerer Symptome in derselben Episode spricht für eine hypomane oder manische Episode.
Ohne Gleichzeitigkeitskriterium: Jemand, der mal lebhafter war (Item 2), mal schneller redete (Item 4) und mal mehr Energie hatte (Item 1) — zu unterschiedlichen Zeiten — würde trotzdem 3 Items positiv beantworten, ohne eine bipolare Störung zu haben.
Mood Disorder Questionnaire
Screening auf eine bipolare Störung
Häufige Fehlinterpretation: Nur Itemzahl beachten
In der Praxis wird häufig nur die Anzahl der positiven Items gezählt, ohne das Gleichzeitigkeitskriterium und den Funktionsverlust zu prüfen. Dies führt zu:
- Überschätzung der Positivrate (falsch-positive Ergebnisse)
- Unnötiger Überweisung zu Psychiatern
- Verunsicherung von Patienten
Korrekte Auswertung: Alle drei Kriterien müssen bewusst geprüft werden.
Spezifität und Sensitivität im Kontext der Dreiteilung
| Kriterium | Auswirkung auf Sensitivität | Auswirkung auf Spezifität |
|---|---|---|
| ≥ 7 Items allein | ~80 % | ~70 % |
| ≥ 7 Items + Gleichzeitigkeit | ~75 % | ~85 % |
| ≥ 7 Items + Gleichzeitigkeit + Funktionsverlust | ~70 % | ~90 % |
Die Dreiteilung verbessert die Spezifität deutlich auf Kosten marginaler Sensitivitätsverluste — ein akzeptabler Kompromiss für ein Screening-Instrument.
Einschränkungen
- Das Gleichzeitigkeitskriterium ist retrospektiv und abhängig von der Erinnerungsfähigkeit des Patienten — bei langer Krankheitsgeschichte schwer zu validieren.
- "Mäßige Probleme" als Schwellenwert für Funktionsverlust ist subjektiv; einige Patienten unterschätzen, andere überschätzen die Auswirkungen.
- Patienten mit kognitiven Einschränkungen können Schwierigkeiten haben, die Gleichzeitigkeitsfrage korrekt zu beantworten.
Häufige Fragen
Was tun, wenn der Patient ≥ 7 Items bejaht, aber die Gleichzeitigkeit verneint? MDQ ist negativ. Dennoch ist klinisches Ermessen wichtig: Wenn die Anamnese auf hypomane Episoden hindeutet, kann trotz negativem MDQ ein psychiatrisches Konsil sinnvoll sein.
Was gilt als "mäßige Probleme" im MDQ? Das MDQ unterscheidet: "keine", "geringe", "mäßige" und "schwerwiegende Probleme". Erst ab "mäßig" gilt das Funktionskritierium als erfüllt. Geringe Schwierigkeiten im sozialen Umfeld oder bei der Arbeit reichen nicht für ein positives Ergebnis.
Kann der Patient die Gleichzeitigkeit falsch bewerten? Ja. Prospektive Stimmungsprotokollierung (Mood Charts, Stimmungstagebücher) können helfen, Gleichzeitigkeit retrospektiv zu klären und dem Psychiater objektivierbare Daten mitzugeben.
Quellen
- Hirschfeld RM et al. Am J Psychiatry. 2000.
- S3-Leitlinie Bipolare Störungen. DGPPN 2019.
- Miller CJ et al. Sensitivity and specificity of the MDQ for detecting bipolar disorder. J Affect Disord. 2004.
