MDQ-Screening auf bipolare Störung in der Hausarztpraxis
Bipolare Störungen werden in der Primärversorgung häufig spät oder falsch als unipolare Depression eingestuft. Der MDQ ist ein kurzes, patientenseitig ausfüllbares Screening-Instrument, das die Erkennung bipolarer Symptome im hausärztlichen Alltag erleichtert.
MDQ im hausärztlichen Kontext
Wann an bipolare Störung denken?
- Rezidivierende depressive Episoden ohne vollständige Remission
- Antidepressiva-Therapieresistenz oder -switch-Reaktionen (Manie unter AD)
- Familienanamnese für bipolare Störung
- Episoden mit deutlich gesteigerter Energie, vermindertem Schlafbedürfnis oder impulsivem Verhalten in der Vorgeschichte
- Frühes Erkrankungsalter bei affektiver Erstmanifestation
MDQ-Ablauf in der Praxis:
- Fragebogen vom Patienten im Wartezimmer ausfüllen lassen (5–10 Min.)
- Auswertung durch Arzt nach Dreiteilung (≥7 Ja, gleichzeitig, ≥mäßige Probleme)
- Positiver Befund: Psychiatrisches Konsil einleiten
Mood Disorder Questionnaire
Screening auf eine bipolare Störung
Klinische Anwendung
- Screening bei Patienten mit wiederholter Depression und atypischem Verlauf
- Ergänzendes Instrument vor Beginn einer Antidepressiva-Therapie
- Strukturierte Anamnese bei Erstverschreibung von Stimmungsstabilisierern
- Dokumentation des Screening-Ergebnisses für Fachüberweisungen
Einschränkungen
- MDQ ist kein Diagnose-Instrument; ein positives Ergebnis erfordert psychiatrische Fachbeurteilung
- Hausärztliche Ressourcen für Folgeabklärung können begrenzt sein
- Patienten mit Substanzmissbrauch oder ADHS können falsch-positive Ergebnisse zeigen
- MDQ wurde primär für Bipolar-I validiert; bei Bipolar-II-Verdacht bleibt Spezialdiagnostik erforderlich
Häufige Fragen
Kann der Hausarzt selbst eine bipolare Störung diagnostizieren? Eine Erstdiagnose erfordert in der Regel eine psychiatrische Fachbeurteilung. Der Hausarzt kann das Screening einleiten und die Überweisung vorbereiten.
Wie häufig wird bipolare Störung initial als unipolare Depression fehldiagnostiziert? Studien zeigen, dass ca. 30–40% der Patienten mit bipolarer Störung initial als unipolare Depression eingestuft werden; die durchschnittliche Zeitspanne bis zur Diagnosestellung beträgt in Deutschland ca. 8–10 Jahre.
Was ist die Konsequenz eines positiven MDQ beim Hausarzt? Überweisung an einen Psychiater oder eine psychiatrische Ambulanz für strukturierte Diagnostik (z.B. SCID-I) und Therapieplanung.
Abschließender Hinweis
Das Tool führt durch den MDQ und wertet das Ergebnis aus. Für die Diagnosestellung ist eine fachpsychiatrische Beurteilung erforderlich.
Quellen
- Hirschfeld RMA et al. Am J Psychiatry. 2000
- S3-Leitlinie Bipolare Störungen. DGPPN 2019
- Angst J et al. Prevalence and characteristics of undiagnosed bipolar disorders in patients with a major depressive episode. J Affect Disord. 2011
