MDQ vor Antidepressiva: Bipolare Störung Ausschließen
Antidepressiva können bei nicht erkannter bipolarer Störung eine manische oder hypomane Episode auslösen (Mood-Switch). Das MDQ-Screening vor Beginn einer Antidepressiva-Therapie hilft, dieses Risiko frühzeitig zu erkennen.
Warum ist ein Mood-Switch durch Antidepressiva gefährlich?
Bei Patienten mit einer nicht diagnostizierten bipolaren Störung kann eine Antidepressiva-Monotherapie:
- Eine manische Episode triggern
- Eine gemischte Episode (Dysphorie + Antrieb) mit erhöhtem Suizidrisiko auslösen
- Das Zyklusintervall verkürzen (Rapid Cycling provozieren)
- Die Diagnosestellung weiter verzögern
Das Risiko ist bei Trizyklika und venlafaxin höher als bei SSRI; bei Bupropion relativ geringer.
Wann ist MDQ-Screening vor Antidepressiva besonders wichtig?
- Junges Erkrankungsalter (< 25 Jahre) bei erstem depressiven Episodenbeginn
- Rezidivierende depressive Episoden (≥ 3 Episoden)
- Atypische Depressionssymptome (Hypersomnie, Heißhunger, Schwere-Gefühl der Extremitäten)
- Positive Familienanamnese für bipolare Störung
- Frühere episodische Zustandsverbesserungen mit gesteigerter Energie, Schlafminderung, Impulsivität
- Vorherige paradoxe Reaktion auf Antidepressiva (Erregung, Insomnie statt Besserung)
Mood Disorder Questionnaire
Screening auf eine bipolare Störung
Konsequenzen eines positiven MDQ vor Antidepressiva
| MDQ-Ergebnis | Empfohlenes Vorgehen |
|---|---|
| Negativ (< 7 Ja, keine Gleichzeitigkeit, kein Funktionsverlust) | Antidepressiva-Therapie planmäßig möglich |
| Grenzwertig / klinischer Verdacht | Psychiatrisches Konsil vor Antidepressiva-Beginn; Risiko-Nutzen-Abwägung |
| Positiv (≥ 7 Ja, Gleichzeitigkeit, Funktionsverlust) | Psychiatrisches Konsil zwingend; Antidepressiva-Monotherapie zurückhalten |
Therapiealternative bei bipolarer Störung
Bei bestätigter bipolarer Störung sind Antidepressiva-Monotherapie nicht empfohlen. Erstlinientherapie der bipolaren Depression:
- Quetiapin (einziges Antipsychotikum mit Zulassung für bipolare Depression in Deutschland)
- Lithium oder Lamotrigin als Basistherapie
- Antidepressiva nur als Kombination mit Stimmungsstabilisator und unter engmaschiger Überwachung
Einschränkungen
- MDQ ist kein Diagnose-Instrument; ein positives Ergebnis begründet keinen Therapieabbruch ohne psychiatrische Beurteilung.
- Ein negativer MDQ schließt bipolare Störung nicht aus — klinisches Ermessen und Beobachtung im Verlauf bleiben notwendig.
- Substanzmissbrauch und ADHS können zu falsch-positiven Ergebnissen führen.
Häufige Fragen
Muss bei jedem depressiven Patienten vor Antidepressiva-Gabe ein MDQ ausgefüllt werden? Nicht zwingend routinemäßig. Bei Patienten mit Risikofaktoren (junges Alter, Familienanamnese, atypische Symptome, Episodizität) ist das MDQ eine sinnvolle Ergänzung. In der Allgemeinpraxis erhöht es die Diagnosesicherheit ohne erheblichen Aufwand.
Was ist ein "Mood Switch" und wie erkenne ich ihn? Als Mood Switch bezeichnet man das Auftreten von Hypomanie oder Manie unter Antidepressiva-Therapie. Klinische Zeichen: Schlafminderung ohne Müdigkeit, gesteigerte Energie und Redefluss, erhöhter Antrieb, Reizbarkeit, riskantes Verhalten — innerhalb weniger Tage nach Beginn oder Dosiserhöhung der Antidepressiva.
Darf ein Hausarzt Lithium bei bipolarer Störung verschreiben? Lithium kann grundsätzlich von jedem Facharzt verschrieben werden. In der Praxis wird die Ersteinstellung häufig durch einen Psychiater vorgenommen, da ein Monitoring von Lithiumspiegel, Nierenfunktion und Schilddrüse erforderlich ist. Weiterführende Behandlung durch den Hausarzt ist möglich.
Quellen
- Hirschfeld RM et al. Development and validation of a screening instrument for bipolar spectrum disorder: the Mood Disorder Questionnaire. Am J Psychiatry. 2000.
- S3-Leitlinie Bipolare Störungen. DGPPN 2019.
- Ghaemi SN et al. Antidepressants in bipolar disorder: the case for caution. Bipolar Disord. 2003.
