Padua-Score und Frühzeitige Mobilisierung: Nicht-Pharmakologische VTE-Prävention
Das Kriterium „eingeschränkte Mobilität" im Padua-Score (3 Punkte) ist eines der gewichtigsten und gleichzeitig am meisten beeinflussbaren. Frühzeitige Mobilisierung ist die wirksamste nicht-pharmakologische Maßnahme zur VTE-Prävention — und kann den Padua-Score direkt senken.
Warum Mobilität entscheidend ist
Immobilisation → venöse Stase in tiefen Beinvenen → VTE-Risiko. Das Virchow-Trias (Stase, Hyperkoagulabilität, Endothelschaden) beginnt bei Bettlägerigkeit innerhalb weniger Stunden:
- 24–48 h Bettruhe: Deutliche Zunahme des venösen Pools
- 72 h+: Deutlich erhöhtes TVT-Risiko ohne Prophylaxe
- Wiederherstellung der Mobilität: Unmittelbarer protektiver Effekt
Das Padua-Kriterium „Eingeschränkte Mobilität"
Definition: Bettruhe oder stark eingeschränkte Beweglichkeit (z.B. nur WC-Gang) seit ≥ 3 Tagen.
Ein Patient, der täglich 2–3× kurze Gehstrecken zurücklegt, erfüllt dieses Kriterium nicht — und senkt damit seinen Padua-Score von ≥ 4 auf < 4 (falls Malignom oder Thrombophilie nicht vorliegen).
Padua Score – VTE-Risiko Hospitalisierte
Thromboserisiko internistischer Patienten: ≥4 Punkte = hoch
Frühzeitige Mobilisierung: Praktische Umsetzung
| Mobilisierungsstufe | Maßnahme |
|---|---|
| Bettlägerig | Passive Bewegungsübungen, aktive Fußpumpen (Plantarflexion/Dorsalextension), Sitzen im Bett |
| Sitzen möglich | Stuhlmobilisierung 2–3×/Tag, Dangle-Übungen |
| Aufstehfähig | Kurzstrecken-Gehtraining, Flurgang 2–3×/Tag, Stationstoilette |
| Gehfähig | Ziel: 1.000–2.000 Schritte/Tag als Mindestziel |
Physiotherapie sollte bei Mobilitätseinschränkung frühzeitig einbezogen werden — bereits ab dem 1. stationären Tag.
Kompressionsstrümpfe als Ergänzung
Medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) Klasse I–II:
- Reduzieren venöse Stase an den Beinen
- Sinnvoll als Ergänzung zur pharmakologischen Prophylaxe bei Hochrisikopatienten
- Bei Kontraindikation zur pharmakologischen Prophylaxe: MKS + IPK als Alternative
Kontraindikationen: Periphere arterielle Verschlusskrankheit (Knöchel-Arm-Index < 0,5), schwere diabetische Neuropathie, offene Wunden, Ödem mit Hautläsionen.
Dokumentation und Verlaufsdokumentation
Der Padua-Score sollte bei Änderung des Mobilitätsstatus neu berechnet werden:
- Patient wird mobilisiert → ggf. Padua < 4 → pharmakologische Prophylaxe kann klinisch abgewogen werden
- Mobilisierung scheitert (klinische Verschlechterung) → Padua ≥ 4 → Prophylaxe essenziell
Einschränkungen
- Frühzeitige Mobilisierung ersetzt die pharmakologische VTE-Prophylaxe nicht vollständig, insbesondere bei Padua-Hochrisiko-Patienten mit Malignom oder TVT-Anamnese.
- Patienten mit Schmerz, Schwäche oder orthopädischen Kontraindikationen benötigen angepasste Mobilisierungskonzepte.
- Compliance bei Patienten ist variabel; pflegerische Aufklärung und Motivation sind entscheidend.
Häufige Fragen
Wenn ein Patient täglich 100 Meter auf dem Flur geht, muss er noch NMH bekommen? Es hängt vom Padua-Score ab: Wenn der einzige Grund für Padua ≥ 4 die Immobilität war und diese jetzt aufgehoben ist, fällt der Score unter 4. Bei zusätzlichen Hochrisikofaktoren (Malignom, TVT-Anamnese) bleibt die NMH-Indikation bestehen.
Sollten Kompressionsstrümpfe über Nacht getragen werden? In der Regel ja — die maximale Wirksamkeit wird durch kontinuierliches Tragen (auch nachts) erzielt. Eine kurze Pause zur Hautinspektion und Hygiene ist angemessen.
Wie wird Mobilisierungsfortschritt im Stationsalltag dokumentiert? Über den Pflegebericht, Barthel-Index oder spezielle Verlaufsparameter. Zunehmend setzen Kliniken digitale Ganganalyse-Tools (Schrittzähler) oder strukturierte Mobilitätsassessments ein.
Quellen
- Barbar S et al. Blood. 2010.
- AWMF S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie. 2015.
- Heit JA. Epidemiology of venous thromboembolism. Nat Rev Cardiol. 2015.
