PESI oder sPESI: Wann welchen Score bei Lungenembolie einsetzen?
Sowohl der originale PESI als auch der vereinfachte sPESI sind in der ESC-Leitlinie 2019 als gleichwertige Instrumente zur Risikostratifizierung bei akuter Lungenembolie empfohlen. Sie unterscheiden sich in Komplexität, Granularität und klinischem Anwendungskontext.
PESI vs. sPESI im Vergleich
| Kriterium | Originaler PESI | Simplified PESI (sPESI) |
|---|---|---|
| Variablen | 11 (metrisch + binär) | 6 (binär) |
| Risikoklassen | 5 Klassen (I–V) | 2 Gruppen (0 vs. ≥ 1) |
| Granularität | Differenzierung Klasse I/II möglich | Kein Unterschied Klasse I/II |
| Anwendungszeit | 2–3 Minuten | unter 1 Minute |
| Sensitivität | ca. 89 % | ca. 90 % |
| ESC-Empfehlung (2019) | Klasse I, Level B | Klasse I, Level B |
| Bevorzugte Situation | Differenzierung sehr niedrig vs. niedrig klinisch relevant | Schnelles Screening in der Notaufnahme |
PESI Score Rechner – Lungenembolie-Risikoindex
Validierter Score zur Prognose der 30-Tage-Mortalität und Identifizierung von Low-Risk-Patienten bei akuter Lungenembolie.
Demografische Merkmale
Begleiterkrankungen
Klinische Befunde
Entscheidungshilfe für die Praxis
sPESI bevorzugen:
- Zeitkritische Situation in der Notaufnahme
- Schnelles Screening auf ambulantes Behandlungspotenzial
- sPESI = 0 als direktes Eingangsfilter für den Niedrigrisiko-Pfad
Originalen PESI bevorzugen:
- Wenn die Unterscheidung PESI Klasse I (sehr niedrig) vs. Klasse II (niedrig) für die Entscheidung relevant ist
- Akademischer oder Forschungskontext (historische Validierungsdaten)
- Wenn eine Risikoklasse I dokumentiert werden soll (z. B. für frühe Entlassung unter 24 Stunden)
Rolle der HESTIA-Kriterien
Die HESTIA-Kriterien (12 binäre Fragen) ergänzen sPESI und PESI und klären organisatorische sowie klinische Kontraindikationen gegen ambulante Behandlung, die im Score nicht erfasst sind:
- Aktive Blutung oder hohes Blutungsrisiko
- Notwendigkeit von i.v.-Analgesie über 24 Stunden
- O2-Pflicht über 24 Stunden
- Kreatinin-Clearance < 30 ml/min
- Schwangerschaft und weitere klinische Gründe
Nach ESC 2019 und klinischer Praxis in Deutschland gelten sPESI und HESTIA als komplementäre Instrumente: sPESI = 0 schließt hohes Mortalitätsrisiko aus; HESTIA schließt Kontraindikationen gegen ambulantes Management aus.
Einschränkungen beider Instrumente
- Weder PESI noch sPESI erfassen RV-Dysfunktion oder Myokardschädigung (Troponin), die für das intermediäre Risiko entscheidend sind.
- Beide Scores stratifizieren das Mortalitätsrisiko, nicht das Risiko einer hämodynamischen Verschlechterung.
- Nicht anwendbar bei hämodynamisch instabilen Patienten (Schock, Hypotonie).
Häufige Fragen
Welcher Score wird in deutschen Notaufnahmen häufiger eingesetzt? Beide Scores sind verbreitet. Viele deutsche Kliniken kombinieren sPESI mit den HESTIA-Kriterien als zweistufiges Screening. Einzelne Zentren bevorzugen den originalen PESI für die präzisere Klassenbildung.
Kann ein sPESI von 1 eine stationäre Aufnahme zwingend erfordern? Ein sPESI ≥ 1 ist ein Hinweis auf erhöhtes Risiko und erfordert in der Regel stationäre Überwachung und Antikoagulation. Die endgültige Entscheidung hängt vom Gesamtbefund (RV-Funktion, Troponin, Klinik) ab.
Schließt sPESI = 0 eine RV-Belastung aus? Nein. Die ESC 2019 empfiehlt, auch bei sPESI = 0 eine bildgebende RV-Beurteilung vorzunehmen, bevor eine ambulante Behandlung eingeleitet wird.
Quellen
- Konstantinides SV et al. 2019 ESC Guidelines for the diagnosis and management of acute pulmonary embolism. Eur Heart J. 2020;41(4):543–603.
- Jimenez D et al. Simplification of the PESI. Arch Intern Med. 2010;170(15):1383–1389.
- Aujesky D et al. Derivation and validation of a prognostic model for pulmonary embolism. Am J Respir Crit Care Med. 2005;172(8):1041–1046.
- Zondag W et al. HESTIA criteria for outpatient treatment of PE. J Thromb Haemost. 2011;9(8):1500–1507.
