SCORE2 nach ESC-Leitlinie 2021: Kardiovaskuläre Primärprävention
Die ESC-Leitlinie 2021 zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen empfiehlt SCORE2 und SCORE2-OP als Standardinstrumente zur Risikoabschätzung in der Primärprävention (Empfehlungsklasse I, Evidenzgrad A). Sie lösen den ursprünglichen HeartScore sowie den PROCAM- und Framingham-Score in der europäischen klinischen Praxis ab.
Methodische Grundlage von SCORE2
SCORE2 basiert auf einem geschlechtsspezifischen Competing-Risk-Cox-Modell, das in Daten von über 677.000 Teilnehmern aus zeitgenössischen europäischen Kohorten entwickelt und validiert wurde. Zentrale Verbesserungen gegenüber dem Original-SCORE:
- Einschluss nicht-fataler Ereignisse: SCORE2 schätzt das Risiko für fatale und nicht-fatale Herzinfarkte sowie Schlaganfälle; der Original-SCORE schätzte nur die kardiovaskuläre Mortalität
- Zeitgemäße Kalibrierung: Abgeleitet aus aktuellen europäischen Kohorten, nicht aus Daten der 1970er- und 1980er-Jahre
- Vier Risikoregionen: Separate Kalibrierung für Niedrig-, Moderat-, Hoch- und Sehr-Hoch-Risikoregionen in Europa
Risikoregionen nach ESC: Deutschland eingeordnet
| Risikoregion | Länder | SCORE2 "hoch" ab |
|---|---|---|
| Niedrig | Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Benelux, Skandinavien | 7,5 % |
| Moderat | Tschechien, Polen, Kroatien, Ungarn | 5 % |
| Hoch | Türkei, Serbien, Rumänien, Bulgarien | 5 % |
| Sehr hoch | Russland, Ukraine, baltische Staaten | 7,5 % |
Deutschland gehört zur Niedrigrisikoregion. Die Klassifikation erfolgt auf Grundlage der beobachteten kardiovaskulären Ereignisraten in den jeweiligen Ländern.
SCORE2- und SCORE2-OP-Rechner – 10-Jahres-Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen (ESC 2021)
Offizieller Algorithmus zur kardiovaskulären Risikostratifizierung in moderaten Risikoregionen wie Deutschland gemäß ESC-Leitlinien.
• Länder mit geringem Risiko: Belgien, Dänemark, Frankreich, Israel, Luxemburg, Norwegen, Spanien, die Schweiz, die Niederlande und das Vereinigte Königreich;
• Länder mit mäßigem Risiko: Österreich, Zypern, Finnland, Deutschland, Griechenland, Island, Irland, Italien, Malta, Portugal, San Marino, Slowenien und Schweden;
• Hochrisikoländer: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Tschechische Republik, Estland, Ungarn, Kasachstan, Polen, Slowakei und die Türkei;
• Länder mit sehr hohem Risiko Algeria, Armenia, Azerbaijan, Belarus, Bulgaria, Egypt, Georgia, Kyrgyzstan, Lettland, Libanon, Libyen, Litauen, Montenegro, Marokko, Republik Moldau, Rumänien, Russische Föderation, Serbien, Syrien, TFYR (Mazedonien), Tunesien, Ukraine und Usbekistan.
SCORE2: 10-jähriges kardiovaskuläres Risiko
Einschränkungen des SCORE2-Anwendungsbereichs nach ESC
Die ESC-Leitlinie 2021 definiert explizit, für welche Patientengruppen SCORE2 nicht gilt:
- Etablierte ASCVD (KHK, Schlaganfall, pAVK, Herzinsuffizienz): Einstufung als sehr hohes Risiko ohne Rechner
- Diabetes mellitus Typ 1 oder 2: Verwendung von SCORE2-Diabetes
- Familiäre Hypercholesterinämie (bestätigt): Direkte Einstufung als hohes bis sehr hohes Risiko
- Schwere CKD (eGFR <60 ml/min/1,73 m² oder relevante Albuminurie): SCORE2 ist nicht validiert
- Alter ≥70 Jahre: Verwendung von SCORE2-OP
SCORE2 in der deutschen klinischen Praxis
Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) hat die ESC-Leitlinie 2021 adaptiert und SCORE2/SCORE2-OP als empfohlene Risikoinstrumente in Deutschland übernommen. Die DEGAM S3-Leitlinie zur hausärztlichen Risikoberatung (AWMF 053-024) integriert SCORE2 als Standardinstrument für die kardiovaskuläre Primärprävention in der Allgemeinmedizin.
Der GKV-Gesundheits-Check-up (ab 35 Jahre alle 3 Jahre) liefert routinemäßig die erforderlichen Laborwerte (Gesamtcholesterin, HDL) und den Blutdruck, die für die SCORE2-Berechnung benötigt werden.
Einschränkungen
- Die Risikoregionen-Kalibrierung bildet nationale Durchschnittswerte ab; regionale Unterschiede innerhalb Deutschlands (z. B. höhere kardiovaskuläre Mortalität in ostdeutschen Bundesländern) werden nicht abgebildet
- SCORE2 modelliert das Risiko ohne Therapie; bereits behandelte Hypertonie oder Dyslipidämie führen zu einer systematischen Unterschätzung des behandelten Risikos
Häufige Fragen
Warum ersetzt SCORE2 den PROCAM-Score in Deutschland? PROCAM wurde in einer deutschen Population in den 1990er-Jahren entwickelt und schätzt nur die KHK-Mortalität. SCORE2 basiert auf zeitgemäßen europaweiten Kohorten, schließt nicht-fatale Ereignisse ein und ist nach Risikoregionen kalibriert.
Hat die DGK eigene SCORE2-Schwellenwerte für Deutschland? Die DGK übernimmt die ESC 2021-Schwellenwerte für die Niedrigrisikoregion unverändert. Eine eigenständige deutsche Kalibrierung existiert nicht.
Gilt SCORE2 auch für Patienten mit kontrolliertem Blutdruck unter Therapie? SCORE2 schätzt das Risiko unter der Annahme, dass der eingegebene Blutdruckwert dem tatsächlichen, ggf. therapierten Wert entspricht. Eine systematische Anpassung für behandelte Patienten ist im Algorithmus nicht vorgesehen.
Greifen Sie auf den SCORE2 Rechner nach ESC-Leitlinie 2021 in Mediately zu.
Quellen
- Visseren FLJ et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention. Eur Heart J. 2021;42(34):3227–3337.
- SCORE2 Working Group and ESC CV Risk Collaboration. Eur Heart J. 2021;42(25):2439–2454.
- Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Pocket-Leitlinie Kardiovaskuläre Prävention 2021. leitlinien.dgk.org
- DEGAM S3-Leitlinie: Hausärztliche Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention. AWMF 053-024.
