SCORE2 und Patientenkommunikation: Herzrisiko Verständlich Erklären
„Ihr 10-Jahres-Risiko beträgt 8 %" — diese Aussage ist für die meisten Patienten nicht intuitiv verständlich. Effektive Risikokommunikation nutzt natürliche Häufigkeiten, konkrete Vergleiche und vermeidet relative Risikodarstellungen, die Patienten systematisch überschätzen.
Prozentzahlen in natürliche Häufigkeiten übersetzen
Natürliche Häufigkeiten (Anzahl pro 100 oder 1.000 Personen) sind nachweislich leichter verständlich als Prozentzahlen:
Beispiel: SCORE2 = 8 %
- ❌ Schwer verständlich: „Ihr Risiko beträgt 8 Prozent"
- ✅ Besser: „Von 100 Menschen mit Ihrem Gesundheitsprofil werden in 10 Jahren 8 einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden — und 92 nicht"
Visualisierung: Grafik mit 100 Personen-Symbolen (Piktogramme), von denen 8 rot eingefärbt sind.
Kommunikation des Therapienutzens
Auch der Nutzen von Therapien (Statin, Blutdruckmedikament) sollte in natürlichen Häufigkeiten ausgedrückt werden:
| Aussage | Wirkung auf Patienten |
|---|---|
| „Statin reduziert Ihr Risiko um 30 %" | Klingt dramatisch; überschätzter Nutzen |
| „Statt 8 von 100 hätten noch 5 von 100 einen Herzinfarkt" | Realistische Einschätzung |
| „NNT: 33 — von 33 Patienten profitiert einer" | Für informierte Patienten hilfreich |
SCORE2- und SCORE2-OP-Rechner – 10-Jahres-Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen (ESC 2021)
Offizieller Algorithmus zur kardiovaskulären Risikostratifizierung in moderaten Risikoregionen wie Deutschland gemäß ESC-Leitlinien.
• Länder mit geringem Risiko: Belgien, Dänemark, Frankreich, Israel, Luxemburg, Norwegen, Spanien, die Schweiz, die Niederlande und das Vereinigte Königreich;
• Länder mit mäßigem Risiko: Österreich, Zypern, Finnland, Deutschland, Griechenland, Island, Irland, Italien, Malta, Portugal, San Marino, Slowenien und Schweden;
• Hochrisikoländer: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Tschechische Republik, Estland, Ungarn, Kasachstan, Polen, Slowakei und die Türkei;
• Länder mit sehr hohem Risiko Algeria, Armenia, Azerbaijan, Belarus, Bulgaria, Egypt, Georgia, Kyrgyzstan, Lettland, Libanon, Libyen, Litauen, Montenegro, Marokko, Republik Moldau, Rumänien, Russische Föderation, Serbien, Syrien, TFYR (Mazedonien), Tunesien, Ukraine und Usbekistan.
SCORE2: 10-jähriges kardiovaskuläres Risiko
Häufige Kommunikationsfehler und wie man sie vermeidet
Fehler 1: Nur relatives Risiko nennen „Ihr Risiko halbiert sich mit einem Statin" klingt beeindruckend — bedeutet aber bei einem Ausgangsrisiko von 4 %: Senkung auf 2 %. Absolut gering.
Fehler 2: SCORE2 als Diagnose behandeln „Sie haben hohes Herzrisiko" vermittelt eine feste Diagnose. Besser: „Das ist eine Wahrscheinlichkeit, die wir gemeinsam beeinflussen können."
Fehler 3: Zahlen ohne Kontext 8 % klingt wenig. Kontext: „Unter dem Alter Ihrer Generation ist das etwas über dem Durchschnitt — und das können wir verbessern."
Visualisierungstools in der Praxis
- ARRIBA (Decision aid, Uni Marburg): Deutschsprachiges Tool zur Visualisierung kardiovaskulärer Risikokommunikation
- Risikografiken der ESC Prevention Guidelines
- Mediately zeigt den SCORE2 als Risikokategorie und ergänzt Kontextinformationen
Einschränkungen
- Nicht jeder Patient möchte Zahlen — manche bevorzugen qualitative Kommunikation („Ihr Risiko ist erhöht; das können wir senken"). Passen Sie die Kommunikationsform an.
- Übermäßige Risikofokussierung kann Angst auslösen — Balance zwischen Informationstiefe und emotionaler Belastung ist wichtig.
- Gemeinsame Entscheidungsfindung (Shared Decision Making) ist die empfohlene Methode: Patient versteht Risiko und entscheidet informiert mit.
Häufige Fragen
Wie erkläre ich Patienten, dass ein SCORE2 von 9 % „hoch" ist, auch wenn 91 % nicht betroffen sind? Rahmen ist entscheidend: „9 % ist über dem Durchschnitt für Ihr Alter. Und: Es gibt effektive Maßnahmen — mit einem Statin können wir es auf etwa 6 % senken. Das bedeutet für Sie: 3 von 100 Personen wie Sie hätten keinen Herzinfarkt, der sonst aufgetreten wäre."
Sollte ich dem Patienten seinen genauen SCORE2-Wert nennen? Ja — Transparenz ist wichtig und fördert das Vertrauen. Erklären Sie gleichzeitig, was der Wert bedeutet und was dagegen getan werden kann. Der Wert allein ohne Kontext ist wenig hilfreich.
Wie oft soll der SCORE2 mit dem Patienten besprochen werden? Bei jeder Vorsorgeuntersuchung mit Lipidprofil / Blutdruckmessung (in Deutschland: Gesundheits-Check-up ab 35 Jahre). Auch bei Therapieinitiierung oder bei relevanter Änderung der Risikofaktoren.
Quellen
- Visseren FLJ et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention. Eur Heart J. 2021.
- Gigerenzer G. Risk savvy. Viking. 2014.
- Stacey D et al. Decision aids for people facing health treatment or screening decisions. Cochrane. 2017.
