Lungenembolie-Risikostratifizierung nach ESC-Leitlinie: Rolle des sPESI
Die ESC-Leitlinie 2019 zur akuten Lungenembolie integriert den sPESI als validierten Bestandteil der frühen Risikostratifizierung. Er steht neben hämodynamischem Status, rechtsventrikulärer Funktion und kardialen Biomarkern.
sPESI im ESC-Risikostratifizierungsalgorithmus
Schritt 1: Hämodynamische Stabilität beurteilen Schock oder anhaltende Hypotonie? Ja: Hochrisiko-PE (sofortige Abklärung einer Reperfusionstherapie).
Schritt 2: sPESI bei stabilen Patienten berechnen Score 0: Niedrigrisiko-PE (ambulante Behandlung erwägbar, wenn keine Kontraindikationen).
Schritt 3: Bei sPESI ≥1 weiteres Risikoassessment Rechtsventrikuläre Funktion (Echokardiographie oder CT-Pulmonalisangiographie) plus Troponin:
- sPESI ≥1 + RV-Dysfunktion + Troponinerhöhung: Intermediär-hohes Risiko
- sPESI ≥1 + nur eines oder keines dieser Kriterien: Intermediär-niedriges Risiko
sPESI Score – Lungenembolie Kurzform
Vereinfachter PESI: 30-Tages-Mortalität bei Lungenembolie
Klinische Anwendung
- Strukturierte Risikostratifizierung bei bestätigter Lungenembolie
- Orientierung für die Überwachungsintensität (Normalstation, Intermediärstation, Intensivstation)
- Basis für die Diskussion über erweiterte Reperfusionstherapie bei intermediär-hohem Risiko
- Dokumentation des Risikopfads für interdisziplinäre Kommunikation
Einschränkungen
- sPESI identifiziert Niedrigrisiko-Patienten zuverlässig; für intermediär-hohes Risiko ist sPESI allein nicht ausreichend
- Echokardiographie und Troponin sind für die Differenzierung intermediär-niedriges vs. intermediär-hohes Risiko erforderlich
- Hämodynamische Instabilität überrangiert den sPESI: diese Patienten sind immer Hochrisiko, unabhängig vom Score
- Aktualisierte Leitlinien sollten regelmäßig geprüft werden (nächste ESC-Überarbeitung geplant)
Häufige Fragen
Was ist intermediär-hohes Risiko bei Lungenembolie? sPESI ≥1 plus RV-Dysfunktion im Echokardiogramm oder CT plus Troponinerhöhung. Diese Patienten benötigen engmaschiges Monitoring auf einer geeigneten Überwachungseinheit.
Wie häufig wird sPESI in europäischen Kliniken angewendet? sPESI ist in Europa weit verbreitet und in vielen Kliniken fester Bestandteil der standardisierten PE-Aufnahme-Checkliste.
Ersetzt sPESI die Bildgebung? Nein. sPESI ergänzt die Risikostratifizierung und setzt eine bildgebend bestätigte Lungenembolie voraus. Bei intermediärem Risiko ist die Echokardiographie unverzichtbar.
Abschließender Hinweis
Der ESC-Algorithmus für die Lungenembolie ist darauf ausgelegt, klinische Score-Daten mit Biomarkern und Bildgebung zu kombinieren. Das Tool unterstützt den sPESI-Berechnungsschritt innerhalb dieses Algorithmus.
Quellen
- Konstantinides SV et al. ESC Guidelines on the diagnosis and management of acute pulmonary embolism. Eur Heart J. 2020
- Jimenez D et al. Arch Intern Med. 2010
- Aujesky D et al. Am J Respir Crit Care Med. 2005
