Simplified PESI (sPESI): Kriterien und Anwendung bei Lungenembolie
Der Simplified PESI (sPESI) ist eine vereinfachte Version des Pulmonary Embolism Severity Index. Er basiert auf 6 binären Kriterien (je 1 Punkt) und erlaubt eine rasche Risikoeinstufung am Patientenbett ohne aufwendige Punkteberechnung.
sPESI-Kriterien
| Kriterium | Punkte |
|---|---|
| Alter > 80 Jahre | 1 |
| Aktive Krebserkrankung | 1 |
| Chronische kardiopulmonale Erkrankung (Herzinsuffizienz und/oder COPD) | 1 |
| Herzfrequenz ≥ 110/min | 1 |
| Systolischer Blutdruck < 100 mmHg | 1 |
| O2-Sättigung < 90 % | 1 |
Interpretation:
- sPESI = 0: Niedriges 30-Tage-Mortalitätsrisiko (ca. 1 %)
- sPESI ≥ 1: Erhöhtes Risiko (ca. 10,9 % 30-Tage-Mortalität)
PESI Score Rechner – Lungenembolie-Risikoindex
Validierter Score zur Prognose der 30-Tage-Mortalität und Identifizierung von Low-Risk-Patienten bei akuter Lungenembolie.
Demografische Merkmale
Begleiterkrankungen
Klinische Befunde
Diagnostische Güte im Vergleich zum originalen PESI
| Parameter | sPESI | Originaler PESI |
|---|---|---|
| Sensitivität | ca. 90 % | ca. 89 % |
| Negativer Vorhersagewert | ca. 98 % | ca. 97 % |
| Anzahl der Variablen | 6 (binär) | 11 (metrisch/binär) |
| Berechnungsaufwand | Minimal | Moderat |
Beide Instrumente zeigen vergleichbare diagnostische Güte. Der sPESI überzeugt durch seine Handhabung bei Zeitdruck in der Notaufnahme.
ESC-Empfehlung (2019)
Die ESC-Leitlinie 2019 empfiehlt (Klasse I, Level B): PESI oder sPESI als Instrument zur Identifikation von Patienten mit niedrigem Mortalitätsrisiko. Ein sPESI von 0 gilt als Schwellenwert für die Einleitung des ambulanten Behandlungspfads, sofern ergänzend folgende Kriterien erfüllt sind:
- Keine RV-Dysfunktion im Echokardiogramm oder CT-PA
- Kein erhöhtes Troponin
- HESTIA-Kriterien negativ
Klinische Anwendung
- Notaufnahme: Schnellscreening hämodynamisch stabiler Patienten auf Niedrigrisiko-Profil
- Ambulante Behandlungsentscheidung: sPESI = 0 als erster Filter im Entscheidungsalgorithmus
- Ergebnisdokumentation und Behandlungsbegründung im Aufnahmeprotokoll
Einschränkungen
- Der sPESI unterscheidet nicht zwischen PESI Klasse I (sehr niedriges Risiko) und Klasse II (niedriges Risiko); für diese Differenzierung ist der originale PESI besser geeignet.
- Ein sPESI von 0 schließt eine RV-Dysfunktion oder Myokardschädigung nicht aus; die ESC fordert daher zusätzlich Echo/CT-PA und Troponin.
- Nicht anwendbar bei hämodynamisch instabilen Patienten.
Häufige Fragen
Kann sPESI allein die Entscheidung zur ambulanten Behandlung begründen? Nein. sPESI = 0 ist ein notwendiger, aber nicht hinreichender Befund. Die ESC-Leitlinie 2019 fordert zusätzlich den Ausschluss von RV-Dysfunktion und Myokardschädigung sowie die Prüfung der HESTIA-Kriterien.
Welcher Wert des sPESI ist in klinischen Studien am häufigsten verwendet? Der sPESI = 0 als Schwellenwert für Niedrigrisiko ist der in der Lungenembolie-Forschung etablierte Endpunkt, insbesondere in der HoT-PE-Studie und den ESC-Studien zur ambulanten Behandlung.
Ist sPESI besser als HESTIA? Beide Instrumente sind nach ESC 2019 gleichwertig als erste Screening-Instrumente für das ambulante Management. Viele deutsche Kliniken setzen sie kombiniert ein.
Quellen
- Jimenez D et al. Simplification of the pulmonary embolism severity index for prognostication in patients with acute symptomatic pulmonary embolism. Arch Intern Med. 2010;170(15):1383–1389.
- Konstantinides SV et al. 2019 ESC Guidelines for the diagnosis and management of acute pulmonary embolism. Eur Heart J. 2020;41(4):543–603.
- Aujesky D et al. Derivation and validation of a prognostic model for pulmonary embolism. Am J Respir Crit Care Med. 2005;172(8):1041–1046.
