ABCD2-Score und Therapiewahl: Antikoagulation oder Thrombozytenaggregationshemmung?
Die antithrombotische Therapie nach TIA wird primär durch die Ätiologie des Ereignisses und nicht durch den ABCD2-Score bestimmt. Der Score stratifiziert das Rezidivrisiko und die Dringlichkeit der Abklärung — die Therapieentscheidung selbst folgt dem Ergebnis der ätiologischen Diagnostik.
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Ätiologiebasierter Therapiealgorithmus nach TIA
| Ätiologie | Therapie der ersten Wahl |
|---|---|
| Vorhofflimmern (paroxysmal oder permanent) | Orale Antikoagulation (DOAK bevorzugt bei nicht-valvulärem VHF) |
| Atherosklerose der großen Gefäße | Doppelte Thrombozytenaggregationshemmung (ASS + Clopidogrel × 21 Tage), dann Monotherapie |
| Lakunärer Infarkt (kleine Gefäße) | Thrombozytenaggregationshemmung |
| Kryptogen (Ursache unklar) | Thrombozytenaggregation als Überbrückung; weitere Abklärung (Langzeit-EKG) |
Wie der ABCD2-Score die Therapietiming beeinflusst
Zwar bestimmt die Ätiologie die Therapiewahl, der ABCD2-Score beeinflusst jedoch die Dringlichkeit des Therapiebeginns:
- ABCD2 ≥ 4: Rascher Therapiebeginn innerhalb der ersten Stunden anstreben; stationäre Überwachung
- ABCD2 0–3: Vollständige ätiologische Abklärung kann innerhalb von 24 h erfolgen; ASS als erste Sofortmaßnahme ist in dieser Zeit vertretbar
ABCD2 Score – Schlaganfallrisiko nach TIA
7-Tages-Schlaganfallrisiko nach TIA (Score 0–7)
ABCD2-Score
Doppelte Thrombozytenaggregationshemmung beim Hochrisiko-TIA
Studien CHANCE (2013) und POINT (2018) belegen:
- ASS + Clopidogrel für 21 Tage reduziert das Schlaganfallrezidivrisiko um 25–32 % gegenüber ASS allein
- Indikation: TIA mit ABCD2 ≥ 4 oder Minor Stroke (NIHSS ≤ 3), ohne VHF-Nachweis
- Nach 21 Tagen: Weiterführung als Monotherapie (ASS oder Clopidogrel)
- Kein erhöhtes schwerwiegendes Blutungsrisiko in den ersten 3 Wochen
Einschränkungen
- ABCD2 bestimmt nicht die Wahl zwischen Antikoagulation und Thrombozytenaggregation — dies ist ausschließlich ätiologiebasiert.
- Empirische Antikoagulation ohne VHF-Nachweis oder andere Indikation ist nach aktueller Leitlinienlage nicht empfohlen.
- Bei VHF sollte die Antikoagulation so früh wie möglich begonnen werden — das Transformationsrisiko bei TIA (ohne ausgedehnten Infarkt) ist gering.
Häufige Fragen
Kann bei ABCD2 ≥ 6 eine empirische Antikoagulation ohne VHF-Nachweis begonnen werden? Nein. Ein hoher ABCD2-Score allein begründet keine Antikoagulation. Diese ist bei TIA nur indiziert, wenn eine kardioembolische Quelle (VHF, intrakardiales Thrombus) oder eine andere spezifische Antikoagulationsindikation nachgewiesen wird.
Wann sollte mit der Thrombozytenaggregationshemmung nach TIA begonnen werden? Möglichst sofort nach Diagnosestellung, spätestens innerhalb der ersten 24 Stunden. Kein Abwarten auf alle Befunde — ASS als Sofortmaßnahme ist bereits sinnvoll, solange keine Kontraindikation besteht.
Welche ASS-Dosis wird nach TIA empfohlen? In Deutschland werden initial 100–300 mg/Tag eingesetzt. Nach der Akutphase (21 Tage bei doppelter Aggregationshemmung) wird die Erhaltungsdosis auf 100 mg/Tag reduziert. Die genaue Dosierung richtet sich nach den Protokollen der Stroke Unit und den aktuellen DGN-Empfehlungen.
Quellen
- Wang Y et al. Clopidogrel with aspirin in acute minor stroke or transient ischemic attack (CHANCE). N Engl J Med. 2013.
- Johnston SC et al. Platelet-oriented inhibition in new TIA and minor ischemic stroke (POINT). N Engl J Med. 2018.
- DGN. S2k-Leitlinie Transitorische ischämische Attacke. AWMF 030-098. 2022.
