Alkoholische Hepatitis in der Intensivmedizin: Prognosescores im Vergleich
Schwere alkoholische Hepatitis (Maddrey DF ≥ 32) mit Begleitkomplikationen — hepatorenalem Syndrom, hepatischer Enzephalopathie, Sepsis oder gastrointestinaler Blutung — erfordert intensivmedizinische Mitbetreuung. Die Prognoseeinschätzung in diesem Setting kombiniert lebersspezifische Scores mit allgemeinen Intensivscores.
Prognosescores auf der Intensivstation
| Score | Anwendungsbereich | Zeitpunkt | Grenzwert (kritisch) |
|---|---|---|---|
| Maddrey DF | Kortikosteroid-Indikation | Aufnahme | DF ≥ 32 |
| MELD | Transplantationspriorität | Aufnahme + Verlauf | > 20–25 (sehr hohe Mortalität) |
| GAHS | Schweregradbeurteilung | Aufnahme | ≥ 9 |
| Lille-Score | Therapieansprechen | Tag 7 (Kortikosteroide) | > 0,45 |
| SOFA | Multiorganversagen | Täglich | Ansteigend = schlechte Prognose |
| APACHE II | Allg. Intensivmortalität | Aufnahme | > 20 = hohes Risiko |
Besonderheiten der alkoholischen Hepatitis auf der Intensivstation
Hepatorenales Syndrom (HRS):
- HRS Typ 1 (akut, rapid progredient) bei schwerer AH in > 20 % der Fälle
- Vasopressin-Analoga (Terlipressin) + Albumin sind Standard
- Kortikosteroide bei gleichzeitigem HRS: eingeschränkter Nutzen, hohes Infektionsrisiko
Hepatische Enzephalopathie:
- Häufige Komplikation; Rifaximin und Lactulose zur Behandlung
- SOFA-Neurostatus als täglicher Verlaufsparameter
Infektionskomplikationen:
- Unter Kortikosteroiden erhöhtes Risiko für bakterielle und Pilzinfektionen
- Prophylaktische Gabe von Breitbandantibiotika wird diskutiert; keine einheitliche Leitlinienempfehlung
Alkoholische Hepatitis-Scores
Modifizierte Maddrey-Score, Glasgow Alcoholic Hepatitis Score und Lille-Modell für alkoholische Hepatitis
Maddrey-Score
Glasgow Alcoholic Hepatitis Score
Kortikosteroide in der Intensivmedizin: Abwägung
Bei Intensivpatienten mit schwerer alkoholischer Hepatitis ist die Kortikosteroid-Entscheidung besonders schwierig:
- Aktive Infektionen (häufig bei ICU-Patienten) sind Kontraindikation
- SOFA-Score > 12 oder ACLF (acute-on-chronic liver failure) Grad 3 sind Hochrisikokonstellationen
- Engmaschiges Monitoring auf Infektionen unter Kortikosteroiden (täglich Blutkulturen, CRP, PCT)
Einschränkungen
- Maddrey und GAHS wurden an nicht-intensivpflichtigen Kohorten entwickelt; ihre Präzision bei ICU-Patienten ist begrenzt.
- SOFA und APACHE II sind für allgemeine Intensivpatienten validiert, nicht spezifisch für alkoholische Hepatitis.
- Die Kombination mehrerer Scores verbessert die Prognoseabschätzung, schafft aber keine Sicherheit.
Häufige Fragen
Welcher Score hat beim intensivpflichtigen alkohol-Hepatitis-Patienten die höchste Präzision? Kein Einzelscore ist ausreichend. MELD > 25 + ACLF Grad 3 + nicht-ansprechen auf Kortikosteroide (Lille > 0,45) identifiziert Patienten mit > 90 % 28-Tage-Mortalität — in dieser Gruppe ist die palliative Weichenstellung ein zentrales Thema.
Ist Ernährungstherapie auf der Intensivstation bei schwerer alkoholischer Hepatitis indiziert? Ja. Enterale Ernährung (1,2–1,5 g Protein/kg/Tag, 35–40 kcal/kg/Tag) ist integral — selbst bei Kortikosteroidtherapie. Mangelernährung ist bei diesen Patienten universell und verschlechtert die Prognose.
Wann ist eine palliative Weichenstellung angemessen? Bei Non-Response auf Kortikosteroide, fehlendem Transplantationszugang und MELD > 30 sollte ein frühzeitiges Gespräch über Behandlungsgrenzen und palliative Ziele geführt werden — idealerweise mit Palliativmedizin und in Einbeziehung des Patienten und seiner Angehörigen.
Quellen
- EASL Clinical Practice Guidelines: Alcohol-Related Liver Disease. J Hepatol. 2018.
- Moreau R et al. Acute-on-chronic liver failure is a distinct syndrome developing in patients with acute decompensation of cirrhosis. Gastroenterology. 2013.
- Thursz MR et al. STOPAH trial. N Engl J Med. 2015.
