Alvarado-Score und Konservative Therapie: Antibiotika statt OP?
Die antibiotische Therapie der unkomplizierten Appendizitis ist durch mehrere randomisierte Studien (APPAC, CODA, OPTIMIST) als Behandlungsalternative zur Appendektomie validiert. Der Alvarado-Score kann bei der Selektion geeigneter Patienten unterstützen — die endgültige Entscheidung ist jedoch klinisch und bildgebend zu treffen.
Evidenzlage zur konservativen Therapie
| Studie | Kernaussage |
|---|---|
| APPAC (2015, Finnland) | 73 % der antibiotisch behandelten Patienten nach 1 Jahr appendektomiefrei |
| CODA (2020, USA) | Antibiotika nicht-inferior zur Appendektomie für 1-Jahres-Outcome |
| OPTIMIST (2021) | Lebensqualität vergleichbar; ca. 20 % Rezidivrate nach 1 Jahr |
Rezidivrisiko: Ca. 20–27 % der initial antibiotisch behandelten Patienten benötigen innerhalb eines Jahres eine Appendektomie.
Kriterien für die konservative Therapie
Geeignet (unkomplizierte Appendizitis):
- Klinisch gesicherte oder hochwahrscheinliche Appendizitis ohne Perforation
- Keine Peritonitis-Zeichen
- CRP < 70–100 mg/L (je nach Protokoll)
- Appendikolith: relatives Ausschlusskriterium (höheres Rezidivrisiko)
- CT oder MRT: keine Perforation, kein Abszess, kein Appendikolith
Nicht geeignet:
- Freie Perforation oder Peritonitis
- Appendikolith (erhöhtes Therapieversagen)
- Schwangerschaft
- Immunsuppression
- Kinder < 5 Jahre (onkologisches Risiko ungeklärt)
Alvarado Score – Appendizitis Rechner
Appendizitis-Wahrscheinlichkeit: 10-Punkte-Score (MANTRELS)
Symptome
Körperliche Anzeichen
Laborbefunde
Antibiotikaschemata
Intravenöse Einleitungstherapie (24–48 h):
- Amoxicillin-Clavulansäure 2,2 g i.v. alle 6–8 h, oder
- Piperacillin-Tazobactam 4,5 g i.v. alle 8 h
Orale Erhaltungstherapie (weitere 7 Tage):
- Amoxicillin-Clavulansäure 875/125 mg p.o. alle 8–12 h
Einschränkungen
- Der Alvarado-Score allein ist kein ausreichendes Selektionskriterium für die konservative Therapie — CT oder MRT sind obligat zum Ausschluss einer komplizierten Appendizitis.
- Patienten müssen über das Rezidivrisiko (ca. 20–27 %/Jahr) und die Möglichkeit einer Notfall-Appendektomie im Verlauf aufgeklärt werden.
- Die konservative Therapie erfordert engmaschige klinische Kontrolle — fehlende Besserung nach 24–48 h ist ein Operationsindikator.
Häufige Fragen
Muss der Patient die konservative Therapie wählen oder entscheidet der Chirurg? Die Wahl zwischen Operation und Antibiotika ist eine informierte Entscheidung, die Arzt und Patient gemeinsam treffen. Voraussetzung ist die vollständige Aufklärung über Rezidivrisiko, Notfalloperation bei Versagen und individuelle Faktoren (Lebensführung, Reisepläne).
Kann ein Patient mit Alvarado-Score 8 und CT-gesicherter unkomplizierter Appendizitis konservativ behandelt werden? Theoretisch ja, wenn keine der oben genannten Ausschlusskriterien vorliegen und der Patient aufgeklärt zustimmt. In der Praxis werden Patienten mit hohem klinischen Score oft primär operiert, da die Wahrscheinlichkeit einer komplizierten Appendizitis steigt.
Erhöht eine vorherige konservative Therapie das Risiko bei einer späteren Appendektomie? Nein. Studien zeigen, dass eine spätere elektive Appendektomie nach vorheriger konservativer Behandlung in Bezug auf Komplikationsrate und technische Schwierigkeit vergleichbar mit einer Primäroperation ist.
Quellen
- Salminen P et al. Antibiotic therapy vs appendectomy for treatment of uncomplicated acute appendicitis (APPAC trial). JAMA. 2015.
- CODA Collaborative. A randomized trial comparing antibiotics with appendectomy for appendicitis. N Engl J Med. 2020.
- Di Saverio S et al. Diagnosis and treatment of acute appendicitis: 2020 update of the WSES Jerusalem guidelines. World J Emerg Surg. 2020.
