Karnofsky-Index in der Geriatrie: Besonderheiten bei Geriatrischen Patienten
Der Karnofsky Performance Status (KPS) ist in der Geriatrie ein häufig verwendetes Instrument — aber kein geriatriespezifisches. Altersbedingte Besonderheiten begrenzen seine Aussagekraft und machen ergänzende geriatrische Assessmentinstrumente erforderlich.
Warum der KPS bei Älteren eingeschränkt ist
1. Multimorbidität und Polysymptomatik: Ein geriatrischer Patient mit KPS 70 kann gleichzeitig kognitive Einschränkungen, Malnutrition und Sturzsyndrom aufweisen — Dimensionen, die der KPS nicht abbildet.
2. Frailty (Gebrechlichkeit): Frailty ist ein eigenständiges Syndrom jenseits des funktionellen Status und ist mit erhöhtem Risiko für adverse Outcomes verbunden — auch bei KPS 70–80. Der KPS erfasst Frailty nicht.
3. Reversibilitätsbeurteilung: Ein älterer Patient mit Pneumonie und KPS 40 kann nach Behandlung auf KPS 70 verbessert werden. Der KPS-Momentwert unterschätzt das Rehabilitationspotenzial bei reversibler akuter Erkrankung.
4. Kognition: Kognitive Einschränkungen beeinflussen die Erhebungssituation (fehlerhafte Selbstauskunft) und das Therapiemanagement (Compliance, Sicherheit), werden aber im KPS nicht erfasst.
Geriatrisches Comprehensive Assessment (CGA) als Ergänzung
Das Comprehensive Geriatric Assessment (CGA) erfasst Dimensionen, die KPS allein nicht abbildet:
| Domäne | Assessment-Instrument |
|---|---|
| Funktionsstatus | Barthel-Index, Karnofsky |
| Kognition | MMSE, MoCA, Uhrentest |
| Mobilität/Sturzrisiko | Timed Up & Go Test |
| Ernährungsstatus | MNA (Mini Nutritional Assessment) |
| Sozialer Status | Sozialanamnese |
| Polypharmazie | Medikamentenliste, STOPP/START |
| Gebrechlichkeit (Frailty) | Clinical Frailty Scale (CFS) |
Karnofsky-Index – Funktionsstatus Onkologie
Karnofsky-Index
Karnofsky und Clinical Frailty Scale (CFS): Ergänzende Perspektiven
| CFS | Beschreibung | KPS-Näherung |
|---|---|---|
| 1–2 (sehr fit / fit) | Sehr aktiv, keine Krankheitssymptome | KPS 90–100 |
| 3 (gut) | Aktiv, aber weniger intensiv | KPS 80 |
| 4 (vulnerabel) | Langsamer, Hilfe für Außenaktivitäten | KPS 60–70 |
| 5–6 (mild/moderat gebrechlich) | Hilfe bei Alltagsaktivitäten | KPS 40–60 |
| 7–8 (schwer gebrechlich/sehr schwer) | Vollständig pflegeabhängig | KPS 20–40 |
| 9 (terminal) | Kurze Lebenserwartung | KPS < 20 |
Einschränkungen
- Der KPS wurde an Krebspatienten entwickelt — seine Konstruktvalidität für die allgemein-geriatrische Population ist begrenzt.
- Bei demenzerkrankten Patienten kann die Fremdbeurteilung des KPS durch Pflegepersonal oder Angehörige von der klinischen Einschätzung abweichen.
- Der KPS erfasst keine Lebensqualität oder subjektives Wohlbefinden — im Alter oft wichtigere Zielparameter als funktioneller Status.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter sollte ein Geriatrisches Assessment den KPS ergänzen? Leitlinien empfehlen ein CGA für alle Patienten ≥ 70 Jahre vor intensiver Therapie (Chemotherapie, Operation, onkologische Ersttherapie) oder wenn Frailty klinisch vermutet wird — unabhängig davon, welchen KPS-Wert der Patient hat.
Kann ein KPS 80-Patient frail sein? Ja. Frailty ist nicht identisch mit funktionellem Status. Ein Patient kann bei KPS 80 gleichzeitig gebrechlich (frail) im Sinne reduzierter physiologischer Reserve sein — messbar durch z.B. erniedrigte Handgriffstärke, verlangsamte Gehgeschwindigkeit oder Unbeabsichtigten Gewichtsverlust.
Ist der Barthel-Index oder der KPS für geriatrische Patienten geeigneter? Der Barthel-Index ist für die geriatrische Rehabilitation besser geeignet, da er konkrete Alltagsaktivitäten erfasst (Essen, Waschen, Transfer) und reliablere Messungen erlaubt. Der KPS ist breiter und für die onkologische Kommunikation geeigneter.
Quellen
- Karnofsky DA, Burchenal JH. The clinical evaluation of chemotherapeutic agents in cancer. 1949.
- Rockwood K et al. A global clinical measure of fitness and frailty in elderly people. CMAJ. 2005.
- Extermann M et al. Predicting the risk of chemotherapy toxicity in older patients. Cancer. 2012.
- Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Empfehlungen zum Geriatrischen Assessment.
