Karnofsky-Index und Hospizindikation: Palliativversorgung Einleiten
Ein niedrig KPS ist ein wichtiges — wenngleich nicht alleiniges — Kriterium für die Einleitung spezialisierter Palliativversorgung. Sowohl für die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) als auch für die stationäre Hospizversorgung dient der KPS als Orientierungsrahmen.
KPS-Orientierungswerte in der Palliativversorgung
| KPS | Versorgungskontext |
|---|---|
| 70–100 | Ambulante Versorgung, palliativer Grundversorgung durch Hausarzt |
| 50–60 | Ambulante Palliativversorgung; SAPV-Zugang je nach Symptomlast und häuslicher Situation |
| 30–50 | SAPV, Palliativstation oder stationäres Hospiz erwägen |
| 10–30 | Sterbephase; Hospiz oder Palliativstation; intensivste Symptomlast-Betreuung |
Wichtig: KPS allein ist kein hinreichendes Kriterium für SAPV oder Hospiz — ausschlaggebend ist die Gesamtbeurteilung: Symptomlast, Prognose, häusliche Situation, Patientenwille.
SAPV-Voraussetzungen (§ 37b SGB V)
Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) in Deutschland erfordert:
- Unheilbare, fortgeschrittene Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung
- Hohe Symptomlast oder besondere Versorgungskomplexität
- KPS-Orientierung: Häufig KPS ≤ 60 als Anhaltspunkt; kein formaler Grenzwert in der Gesetzgebung
- Ärztliche Verordnung durch den behandelnden Arzt
Karnofsky-Index – Funktionsstatus Onkologie
Karnofsky-Index
Stationäre Hospizversorgung
Für die stationäre Hospizaufnahme gelten ähnliche Grundsätze:
- Begrenzte Lebenserwartung (Orientierung: in der Regel < 3–6 Monate)
- KPS häufig ≤ 40–50 bei Aufnahme
- Behandlungsziel: Comfort Care, keine kurativen Maßnahmen
Wichtig: Hospiz ist keine „Aufgabe" — sondern aktive, spezialisierte Begleitung in der letzten Lebensphase mit Fokus auf Symptomkontrolle, psychosoziale und spirituelle Begleitung.
Das Gespräch über Palliativversorgung führen
Der KPS bietet einen objektiven Ausgangspunkt für das Gespräch über Behandlungsziele:
- KPS-Verschlechterung von 70 auf 50 in wenigen Wochen: Signal für ein Advance Care Planning-Gespräch
- Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Behandlungsziele dokumentieren
- SAPV oder Hospiz frühzeitig ansprechen — nicht erst in der akuten Krise
Einschränkungen
- KPS misst funktionellen Status, nicht Symptomlast — ein Patient mit KPS 60 und starken Schmerzen kann SAPV-bedürftiger sein als ein Patient mit KPS 40 ohne Beschwerden.
- KPS-Prognose für die Restlebenszeit ist unzuverlässig — Einzelmessung ist wenig prädiktiv; Verlauf ist aussagekräftiger.
- Kulturelle und soziale Faktoren beeinflussen Hospiz-Entscheidungen erheblich und werden im KPS nicht abgebildet.
Häufige Fragen
Ab welchem KPS ist eine SAPV-Verordnung begründbar? Es gibt keinen gesetzlichen KPS-Grenzwert. Die Entscheidung basiert auf Symptomlast und Versorgungsbedarf. Praktisch ist KPS ≤ 60 häufig der Bereich, in dem SAPV klinisch diskutiert wird.
Kann ein Patient mit KPS 70 ins Hospiz? Im Ausnahmefall ja, wenn andere Faktoren (komplexe Symptomlast, fehlende häusliche Versorgungsmöglichkeit) vorliegen. Die stationäre Hospizversorgung setzt keine strikte KPS-Untergrenze voraus.
Wie erkläre ich einem Patienten, was der KPS bedeutet? Verwenden Sie funktionale Beschreibungen: „Wie weit können Sie noch allein gehen?", „Können Sie sich selbst versorgen?" — ohne Zahlenwert. Der KPS ist ein Kommunikationsinstrument für Behandlungsteams, kein direktes Gesprächsinstrument mit Patienten.
Quellen
- Karnofsky DA, Burchenal JH. The clinical evaluation of chemotherapeutic agents in cancer. 1949.
- S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung. AWMF 128-001OL. 2020.
- Sozialgesetzbuch V § 37b SAPV.
